06.08.2013 14:22 Uhr in Medien & Presse von Reporter ohne Grenzen

Ergenekon-Prozess offenbart Mängel bei Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit

Kurzfassung: Ergenekon-Prozess offenbart Mängel bei Pressefreiheit und RechtsstaatlichkeitDie langjährigen Haftstrafen gegen mindestens zwölf Journalisten im Rahmen des Ergenekon-Prozesses werfen ein Schlaglich ...
[Reporter ohne Grenzen - 06.08.2013] Ergenekon-Prozess offenbart Mängel bei Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit

Die langjährigen Haftstrafen gegen mindestens zwölf Journalisten im Rahmen des Ergenekon-Prozesses werfen ein Schlaglicht auf die ungelösten Probleme der Türkei mit Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit. "Der Prozess hat einmal mehr gezeigt, wie nötig grundlegende Justizreformen in der Türkei sind", sagte der Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, Michael Rediske. "Überlange Untersuchungshaft, unklare Anschuldigungen und fragwürdige Beweise kennzeichnen auch viele andere Verfahren gegen Journalisten, die etwa wegen ihrer Arbeit für pro-kurdische Medien verfolgt werden."
Als Beweismaterial in dem am Montag zu Ende gegangenen Prozess dienten unter anderem illegal abgehörte Telefonate sowie Aussagen anonymer Zeugen. Zwei der nun verurteilten Journalisten, Mustafa Balbay und Tuncay Özkan, verbrachten während des Prozesses vier bzw. fünf Jahre in Untersuchungshaft. Zwei Tage vor der Urteilsverkündung wurden in Istanbul die Wohnungen mehrerer Journalisten durchsucht, darunter Ilker Yücel und Osman Erbil von der Zeitung Aydinlik sowie Mustafa Kaya und Mehmet Kivanc vom nationalistischen Sender Ulusal Kanal. Die Staatsanwaltschaft verdächtigte sie, zu Demonstrationen gegen den Ergenekon-Prozess aufgerufen zu haben, die "die Verfassungsordnung gefährden" und die Geschworenen bei der Urteilsfindung unter Druck setzen könnten.
Die juristische Aufarbeitung der Vorwürfe um den nationalistischen Ergenekon-Geheimbund seit 2007 hat die türkische Öffentlichkeit gespalten. Die Verfolgung hochrangiger Militärs und Beamter wurde zunächst als Sieg als Sieg von Demokratie und Justiz über die Vormachstellung der Armee gefeiert: Unter den nun Verurteilten sind etwa der Anwalt Kemal Kerincsiz und der Nationalist Levent Temiz, die den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink vor seiner Ermordung 2007 bedroht hatten. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Ergenekon-Ermittlungen aber mit immer neuen Verhaftungswellen zu einer Generalabrechnung mit Oppositionellen und Regierungskritikern.
Verurteilt wurde nun unter anderem Mustafa Balbay, früherer Kolumnist der Zeitung Cumhuriyet und Parlamentsabgeordneter der Republikanischen Volkspartei CHP. Er erhielt 34 Jahre und acht Monate Haft. Der ebenfalls politisch aktive frühere Besitzer des Fernsehsenders Biz TV, Tuncay Özkan, wurde zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Freilassung verurteilt. Mehmet Haberal, Eigentümer des Senders Baskent TV, erhielt eine Haftstrafe von zwölfeinhalb Jahren, die wegen der langen Untersuchungshaft zur Bewährung ausgesetzt wird. Deniz Yildirim, ehemals leitender Aydinlik-Redakteur, erhielt 16 Jahre und zehn Monate Haft.
Der Aydinlik-Journalist Hikmet Cicek, der zugleich eine führende Figur der Arbeiterpartei ist, wurde zu 21 Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Der Journalist Vedat Yenener erhielt siebeneinhalb Jahre Haft, ebenso der frühere Chef von Ulusal Kanal, Serhan Bolluk. Dessen Nachfolger Adnan Türkkan bekam eine zehneinhalbjährige Haftstrafe. Der Fernsehjournalist Turan Özlü erhielt neun Jahre Haft, der frühere Kolumnist Güler Kömürcü Öztürk sieben Jahre und Ünal Inanc vom Nachrichtenportal Aykiri Haber 19 Jahre und einen Monat. Der Journalist Caner Taspinar ist einer der 21 Freigesprochenen in dem Mammut-Prozess mit insgesamt 275 Angeklagten.
Unabhängig von den nun verhängten Urteilen geht der Prozess gegen 13 Angeklagte weiter, denen vorgeworfen wird, sie hätten durch Bücher und Veröffentlichungen auf der Webseite des oppositionellen Online-Fernsehens Oda TV das Ergenekon-Netzwerk unterstützt und dessen juristische Verfolgung diskreditiert. Unter ihnen sind die bekannten Investigativjournalisten Ahmet Sik und Nedim Sener. Sik gehörte zu den Reportern des Magazins Nokta, die den Ergenekon-Geheimbund aufdeckten und damit ihre strafrechtliche Aufarbeitung erst ermöglichten. Sener machte sich einen Namen als Enthüller von Korruptionsfällen, bevor er intensiv zum Mord an Hrant Dink recherchierte. Die Vorwürfe gegen beide sind äußerst vage. In ihren Verhören wurde deutlich, dass sich die Anschuldigungen der Strafverfolger vor allem auf ihre journalistischen Recherchen zum Ergenekon-Komplex stützen.
Einen ausführlichen Bericht zum Verfahren gegen Ahmet Sik und Nedim Sener finden Sie hier, allgemeine Informationen zur Lage der Pressefreiheit in der Türkei hier.

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