24.04.2014 13:30 Uhr in Kultur & Kunst von Universitätsklinikum Jena

Depression im Wochenbett: Wenn Mütter in Not sind

Kurzfassung: Depression im Wochenbett: Wenn Mütter in Not sindGlucksend dreht sich die Kleine auf den Bauch, ihre Mutter lächelt sie an. "Es war die richtige Entscheidung, hierher zu kommen", sagt sie leise. Nac ...
[Universitätsklinikum Jena - 24.04.2014] Depression im Wochenbett: Wenn Mütter in Not sind
Glucksend dreht sich die Kleine auf den Bauch, ihre Mutter lächelt sie an. "Es war die richtige Entscheidung, hierher zu kommen", sagt sie leise. Nach einem Zusammenbruch habe sie den Notarzt gerufen, der sie zusammen mit ihrer sechs Monate alten Tochter in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Jena (UKJ) gebracht hat. "Ich habe mich nicht mehr in der Lage gefühlt, mit der familiären Situation umzugehen", sagt die junge Mutter. Wahrscheinlich wären die Konflikte auch ohne Kind aufgetreten, vermutet sie. "Aber durch das Kind verschärft sich das Ganze."
Um Müttern mit Babys in einer Krisensituation zu helfen, hat Direktor Prof. Dr. Heinrich Sauer vor fünf Jahren an seiner Klinik ein besonderes Angebot eingerichtet. Die so genannte Mutter-Kind-Einheit ist in die Depressionsstation integriert. Nicht zufällig. "Eine Depression ist die häufigste psychische Erkrankung im Wochenbett", sagt Stationsleitung Dorothee Klotz. 10 bis 15 Prozent aller Mütter sind davon betroffen. Einige Patientinnen haben eine psychische Vorerkrankung, andere entwickeln nach der Geburt ihres Kindes völlig unerwartet eine schwere Depression. Aber auch Angst- oder Zwangsstörungen können sich nach der Entbindung verstärken oder neu auftreten. Dabei spielt es keine Rolle, wie alt die Mutter ist und ob es ihr erstes Kind ist. Dorothee Klotz: "Wir hatten auch schon eine Patientin, die nach der Geburt ihres vierten Kindes plötzlich eine Depression entwickelt hat."
Die Behandlung fokussiert im Wesentlichen auf die Erkrankung der Mutter, doch auch spezifische Belastungen der neuen Lebenssituation werden thematisiert. So helfen die Ärzte und Psychologen den Müttern dabei, ihre neue Rolle anzunehmen, auf ihre mütterlichen Kompetenzen zu vertrauen oder mit Stress umzugehen. "Da viele Frauen noch stillen, ist die Pharmakotherapie komplizierter, und wir arbeiten viel mit Psychotherapie", sagt Dorothee Klotz. Aber auch die wichtige Frage, ob gegebenenfalls weiter- oder abgestillt werden soll, können die Frauen mit den Experten besprechen. Dabei werden auch Hebammen aus der Abteilung für Geburtshilfe konsultiert, die den Müttern Tipps geben, wie diese beispielsweise möglichst auf natürlichem Wege abstillen könnten.
Drei Zimmer sind für je eine Mutter mit ihrem Kind reserviert und mit Kinderbett und Wickeltisch ausgestattet, außerdem gibt es auf der Station ein gemeinschaftliches Spielzimmer. Die meisten Kinder, die mit ihren Müttern hierher kommen, sind höchstens ein Jahr alt, nur in Ausnahmefällen werden auch ältere Kinder aufgenommen. Gerade das Alter der Kleinen war es, das bei den Mitarbeitern der Station anfangs für Fragen gesorgt hat: Ist es möglich, so junge Kinder in eine Station für Erwachsene zu integrieren?
Zunächst, das gesteht Dorothee Klotz, hatten sie und ihre Kollegen etwas Berührungsängste. "Wir wussten nicht, wie das Personal und auch andere Patienten mit dieser ungewohnten Situation klarkommen würden." Der Kontakt zu einer anderen Klinik, die bereits Mütter mit ihren Neugeborenen betreut, nimmt diese Zweifel und hilft dem Team aus Jena, alles für die Mütter mit ihren Kindern vorzubereiten. Im Jahr 2009 ist dann das erste Baby auf der Station zu Gast. Mittlerweile haben über 50 Kinder für einige Wochen mit ihren Müttern in der Klinik gelebt.
Zur Vorbereitung der Mitarbeiter gehört auch eine Weiterbildung "Babyreanimation". "Aber das ist wirklich nur für den Notfall", sagt Dorothee Klotz. Denn wenn die Kleinen Husten oder Fieber haben, gehen die Mütter mit ihren Kindern zu niedergelassenen Kinderärzten oder - wenn es sein muss - in die Kinderklinik. In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie konzentriert man sich auf die Mütter, die Kinder gelten als "gesunde Begleitpersonen". Das bedeutet auch, dass die Frauen ihre Kinder selbst versorgen müssen. Nur in sehr schwierigen Situationen, oder wenn die Mütter einmal eine kleine Auszeit benötigen, haben die Pflegekräfte das Babyfon auf dem Schreibtisch stehen oder betreuen die Babys kurzzeitig in ihrem Dienstzimmer. Um in Ruhe an den Therapieangeboten teilnehmen zu können, finanziert das Klinikum die Betreuung der Kinder durch Tagesmütter. Diese stellt das Familienzentrum für zwölf Stunden pro Woche zur Verfügung.
In den meisten Fällen kommen die Frauen geplant in die Klinik. Dass sie Hilfe brauchen, haben sie meist bereits in Gesprächen mit Frauenärzten, Hebammen oder mit Mitgliedern des Vereins Aktion Wandlungswelten oder der Selbsthilfegruppe Licht und Schatten festgestellt. Bei einem Vorgespräch erfahren sie, was sie während der meist achtwöchigen Therapie in der Klinik erwartet. Dass eine Mutter im akuten Notfall kommt, ist selten - doch manchmal notwendig, um Mutter und Kind vor Schaden zu bewahren.

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